Per Mausklick zu Viagra & Co. - Der Internethandel mit Arzneimitteln boomt - Die Behörden sind machtlos (Schweiz , NZZ Online, 16. 4. 2004)
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16. April 2004, 02:17, Neue Zuercher Zeitung

Kasten: Gefaelschte Arzneimittel - eine neue Bedrohung fuer die Schweiz

Per Mausklick zu Viagra & Co.

Der Internethandel mit Arzneimitteln boomt - Die Behoerden sind machtlos

Zwischen 20 000 und 40 000 via Internet und ueber dubiose Kanaele bestellte Medikamente werden im Jahr in die Schweiz eingefuehrt: Das schaetzt das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic. Die meisten Lieferungen, unter denen sich auch Faelschungen befinden, werden nicht entdeckt. Swissmedic warnt vor Gesundheitsrisiken.

dgy. Bern, 15. April

Die unauffaelligen Kapseln im weissen Doeschen, per Internet bestellt und per Post aus dem fernen Brasilien direkt an den Konsumenten angeliefert, versprechen auf unverdaechtige Weise schlankheitsfoerdernde Wirkung auf natuerlicher Basis. Selbst die in portugiesischer Sprache verfassten Erklaerungen, mit denen die Packung à 60 Pillen beschriftet ist, passen zu naturnaher Medizin: Neben dem Konsum der «Capsulas Emagrecimento Natural» empfehle sich die Zufuhr von ausreichend Fluessigkeit, viel Bewegung und wenn moeglich der Verzicht auf Alkohol, wird der Kundschaft geraten - doch die mageren Tipps sind das einzige halbwegs Brauchbare an der Lieferung. Eine Analyse des Medikamentes durch das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic, welches via Zollbehoerden in den Besitz der Dose geriet, ergibt: von Natur keine Spur. Ausser Staerke enthalten die Kapseln ausschliesslich Fenproporex, ein Aufputschmittel mit Suchtpotenzial, das als synthetischer Appetitzuegler verwendet wird, aber wegen seiner Nebenwirkungen und der mit der Einnahme verbundenen Gesundheitsrisiken in der Schweiz seit Jahren nicht mehr zugelassen ist.

«Exitus statt Koitus»

Wirkungslose und verunreinigte Arzneimittel, gefaelschte Praeparate, nicht zugelassene Wirkstoffe, fehlerhafte Beipackzettel: Mit der Verbreitung des Internets erhaelt auch in der Schweiz ein illegaler Wirtschaftszweig Aufschwung, gegen den die Behoerden weitgehend machtlos sind, wie Paul J. Dietschy, Mitglied der Swissmedic-Direktion, freimuetig eingesteht. Die Zahlen sind eindruecklich: Waehrend bei den Behoerden noch bis vor drei, vier Jahren nur in Einzelfaellen Meldungen ueber verdaechtige Medikamentenlieferungen aus dem Ausland eingingen, wurde Swissmedic im vergangenen Jahr rund 200-mal alleine wegen verbotener Importe von betaeubungsmittelhaltigen Arzneimitteln alarmiert. Dietschy schaetzt, dass in der Schweiz pro Jahr rund 20 000 bis 40 000 Medikamente und Heilmittel via Internet bestellt und eingefuehrt werden - davon sind rund ein Fuenftel auch fuer den Eigenverbrauch verbotene Importe von Betaeubungsmitteln und psychotropen Stoffen.

Das Internet ist fuer den Erwerb auch deshalb interessant, weil via die dubiosen Kanaele Produkte angepriesen werden, die in der Schweiz gar nicht zu haben sind - etwa das bei Vielfliegern beliebte Schlafmittel Melatonin. Die Kosten duerften fuer preisbewusste Kunden allerdings nicht den Ausschlag geben, wie Dietschy sagt: Vergleiche zeigen, dass die meisten Produkte inklusive Versandkosten teurer sind als in einer Schweizer Apotheke.

Besonders beliebt sind potenzsteigernde Mittel, die auf diese Weise anonym und ohne den oft als peinlich empfundenen Arztbesuch erworben werden koennen: Wer die Suchmaschine «Google» mit dem Begriff «Viagra» fuettert, erhaelt 16 Millionen Treffer, schon an dritter Stelle wirbt ein Anbieter mit besonders billigen Angeboten. Doch «viele der im Internet angebotenen Medikamente sind in der Schweiz verboten, ueberteuert, qualitativ schlecht oder gar verfaelscht», warnt Swissmedic in einem Merkblatt. Der deutsche aerzteverband brachte die Mahnung in Anspielung auf die mit dieser Form des Handels verbundenen Risiken auf die eingaengige Kurzformel «Exitus statt Koitus». Zwar sind in der Schweiz bisher noch keine Todesfaelle oder schwere Gesundheitsschaedigungen im Zusammenhang mit im Internet bestellten Medikamenten bekannt geworden. Aber Dietschy, ausgebildeter Apotheker, schraenkt ein: «Es ist denkbar, dass die wahre Todesursache unentdeckt bleibt, wenn es keine Hinweise auf eine nicht aerztlich indizierte Medikamenteneinnahme gibt.»

In der Schweiz ist der Handel mit Arzneimitteln via Internet verboten. Doch Medikamente, die nicht zu der Gruppe der Betaeubungsmittel und der psychotropen Stoffe gehoeren, duerfen in Kleinstmengen dennoch legal in die Schweiz eingefuehrt werden. Das ist auf eine missverstaendliche Bestimmung im Heilmittelgesetz zurueckzufuehren: Diese soll sicherstellen, dass Touristen und Geschaeftsleute bei ihrer Einreise eigene Arzneimittel ohne grossen Formularkrieg einfuehren koennen - eine Formulierung, die sich Geschaeftemacher zunutze machen. Fuer die Behoerden stellt sich aber nicht in erster Linie ein gesetzliches Problem. Die Moeglichkeiten zur Bekaempfung der Geschaefte, mit welchen weltweit Millionen umgesetzt werden, sind begrenzt, weil das Internet nicht ueberblickbar und schon gar nicht kontrollierbar ist: Weil ueberdies weit ueber 90 Prozent der Postsendungen aus dem Ausland unbesehen und ungeoeffnet zum Empfaenger kommen, wird der ueberwiegende Teil der Lieferungen gar nie entdeckt. Selbst eine Vervielfachung der Zollkontrollen aenderte daran nichts.

Viele Sendungen aus Pakistan

Swissmedic beschraenkt sich deshalb in erster Linie darauf, die Bevoelkerung auf die Risiken hinzuweisen und Informationen ueber das Phaenomen zu sammeln. Aus Sicht von Dietschy bestehen keine Chancen, den Internethandel mit Medikamenten in den Griff zu bekommen, die Behoerden sind weitgehend auf die Eigenverantwortung der Bevoelkerung angewiesen. Zwar reichte die Schweiz zusammen mit den USA in der Uno einen Resolutionsentwurf ein, um den illegalen Internethandel mit Betaeubungsmitteln und psychotropen Stoffen zu verbieten. Doch das Problem ist haeufig nicht in erster Linie die unbefriedigende Rechtslage, sondern die mangelnde Kontrolle in den verschiedenen Laendern. In Pakistan etwa, das aufgrund von Stichproben als Herkunftsland von unerlaubt eingefuehrten Medikamenten ins Visier der in- und auslaendischen Behoerden geraten ist, fehlen die noetigen Strukturen - angefangen von einer Heilmittelkontrollstelle bis hin zu mit den notwendigen Mitteln ausgestatteten Zollbehoerden. «Der Internethandel mit Medikamenten», stellt Dietschy vor diesem Hintergrund fest, «stellt fuer die Industrielaender auf Jahre hinaus eine Herausforderung dar.»

Gefaelschte Arzneimittel - eine neue Bedrohung fuer die Schweiz

dgy. «Swissmedic hat (. . .) das Problem von Arzneimittelfaelschungen in die Hochrisikoklasse eingestuft», heisst es in einem Papier des Schweizerischen Heilmittelinstitutes vom vergangenen Oktober. Bis vor kurzem kam dieses Problem vor allem in der Dritten Welt vor: In gewissen Laendern Suedostasiens, Lateinamerikas und Westafrikas sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO bis zu 70 Prozent aller erhaeltlichen Medikamente gefaelscht, der internationale Verband der Heilmittelhersteller schaetzt die weltweite Quote auf 6 Prozent. Die WHO hat zwischen 1982 und 1999 770 Faelschungen erfasst - Tendenz steigend. Seit einiger Zeit sind vermehrt Industrielaender betroffen. Laut einem Bericht der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) vom Februar haben die Faelle von Medikamentenfaelschungen in den USA seit 2001 sprunghaft zugenommen. Vor anderthalb Jahren stiessen auch Schweizer Zollbeamte auf eine Sendung von 22 000 gefaelschten Viagra-Tabletten. Im vergangenen Jahr konfiszierten die Behoerden eine Lieferung mit illegalen Aids-Medikamenten.

Bis heute sind in der Schweiz keine gefaelschten Arzneimittel in den Handel und damit zu den Konsumenten gelangt. Dass hierzulande Produkte ohne jeglichen Wirkstoff auftauchen, ist unwahrscheinlich, weil dafuer das Risiko fuer die Faelscher dank den strengen Kontrollen zu gross ist. Doch fuer nachgemachte, umgepackte, unterdosierte oder abgelaufene Arzneimittel sind die Schweiz und andere westliche Laender attraktiv. Insbesondere Aids-Medikamente werden von den Herstellern in Drittweltlaendern teilweise zu einem Bruchteil des in Europa zu bezahlenden Preises abgegeben - was solche Produkte fuer Teilfaelschungen interessant macht. So befanden sich unter den von den Schweizer Behoerden beschlagnahmten Aids-Medikamenten fuer andere Laender bestimmte Originale, die umgepackt worden waren. Ein Gesundheitsrisiko ist damit dennoch verbunden, etwa weil die korrekte Lagerung oder die korrekte Beschriftung nicht garantiert ist.

Die Gewinnmargen sind riesig, vergleichbar mit jenen aus dem Drogenhandel. Die Pharmaindustrie verliert in der Folge viel Geld - Schaetzungen gehen von rund zwei Milliarden Franken pro Jahr aus. Fast schwerer wuerde im Falle einer konkreten Gefaehrdung oder Schaedigung fuer die Hersteller allerdings der Vertrauensverlust wiegen, denn Medikamente sind Vertrauenssache. Die Zusammenarbeit zwischen Behoerden und Industrie funktioniert laut Swissmedic-Direktor Dietschy schon heute recht gut - dies, obwohl das Problem in der Schweiz erst vor kurzem akut geworden ist.

 

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