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Wortgewaltiger Mahner: Professor Hans-Werner Sinn
(56)
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Was ist nur geschehen? Mut und Fortune scheinen
Deutschland zu verlassen. Die Wirtschaft stagniert, die
Hiobsbotschaften haeufen sich. Monat fuer Monat gibt es neue
Pleiterekorde, viele Unternehmen stecken in schwerer Krise, die
Arbeitslosigkeit steigt und dennoch draengen die Armen der Welt
in unser Land.
Ein europaeischer Nachbar nach dem anderen zieht beim
Pro-Kopf-Einkommen an uns vorbei. Deutschland ist der kranke
Mann Europas, ist nur noch Schlusslicht beim Wachstum,
ausserstande, mit oesterreich, Holland, England oder Frankreich
mitzuhalten.
Beim Tourismus bleiben die Deutschen Weltmeister, und ihre
Kreuzfahrtschiffe durchpfluegen die Ozeane trotziger denn je. Das
Rentensystem wird verteidigt, obwohl Kinder, die es finanzieren
koennten, fehlen.
Die Politik blendet die Probleme aus: Die
Arbeitslosigkeit wird in Fruehverrentungsmodellen versteckt, die
Zahlen aus Nuernberg werden mit neuen Messmethoden verkleinert,
das Staatsbudget wird gestylt, der von Deutschland selbst
geforderte Stabilitaetspakt zum Maastrichter Vertrag wird
uminterpretiert, und Steuererhoehungen werden als „Steuerverguenstigungsabbau“
kaschiert. Je duemmer die Gesetze, desto schoener die Namen.
Schuld an der wirtschaftlichen Misere hat nicht nur die
herrschende Regierung, auch ihre Vorgaenger tragen
Mitverantwortung. Die sozialliberale Koalition der siebziger
Jahre hat den Sprung in den Schuldenstaat getan, die Regierung
Kohl hat die wirtschaftliche Vereinigung des Landes mit absurden
Versprechungen und irrealen Politikprogrammen vergeigt, und der
Bundesregierung fehlt die Kraft fuer die notwendigen Reformen.
Die Agenda 2010 zupft zaghaft am Steuerrad, ohne es wirklich
herumzudrehen.
Jedes Land braucht eine Kulturrevolution, wenn der Filz
ueber 50 Jahre akkumuliert wurde. Jetzt ist Deutschland so weit.
Wir muessen unsere Institutionen erneuern und unbequeme Fragen
stellen: Koennen wir die Macht der Gewerkschaften weiter
hinnehmen? Warum lassen wir unseren Sozialstaat so viel Geld fuer
das Nichtstun ausgeben? Wie lange koennen wir das Siechtum der
Wirtschaft in den neuen Bundeslaendern ertragen, und wann geht
uns das Geld aus, mit dem wir dort einen westlichen
Lebensstandard finanzieren? Duerfen Staatsquote und Schuldenquote
immer weiter wachsen?
Muss es sein, dass der Staat bereits dem wenig verdienenden
Arbeiter zwei Drittel der Fruechte seiner Anstrengung wegnimmt?
Warum vergreist unser Land, und was koennen wir dagegen tun?
Sollen auch Kinderlose die volle Rente bekommen? Sind Zuwanderer
eine Hilfe oder ein Problem fuer die Deutschen? Sind wir auf den
Wettbewerb mit den Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn
vorbereitet, die jetzt in die EU kommen? Wohin treibt uns
eigentlich das neue Europa, was fuehrt die EU mit uns im Schilde?
Diese Fragen brauchen mutige und ehrliche Antworten, und dann
braucht Deutschland eine grosse Wirtschafts- und Sozialreform,
die dem Land seine Zukunft zurueckbringt.
Die notwendigen Reformen sind hart und unangenehm, und
meistens wirken sie auch erst mit Verzoegerung. Die Politik aber
wagt sich bislang nicht an sie.
Die Partikularinteressen der Lobbys und Parteien verhindern
gemeinsame Loesungen. Die Gewerkschaften und die Arbeitgeber
streiten sich immer noch erbittert um die Zehntelprozentpunkte
bei den Lohnabschluessen. Die Parteien schieben einander die
Schuld fuer die Wirtschaftsmisere in die Schuhe und sind nicht
bereit, aufeinander zuzugehen. Jeder schaut aengstlich auf die
Waehlerstimmen, und keiner wagt es, bei den noetigen Reformen in
Vorlage zu treten, weil er Angst hat, dass der politische Gegner
sogleich Kapital daraus schlaegt, indem er das Volksgewissen fuer
sich reklamiert. Wenn die SPD einmal einen zaghaften
Bremsversuch beim Sozialstaat startet, wird sie sogleich von der
CDU/CSU links ueberholt.
Zorn erfuellt mich, wenn ich sehe, wie die Zeit nutzlos
verstreicht und wir nicht vorankommen, wie Deutschland weiter
absackt und dem Zustand naeher kommt, wo es als ein Land der
kinderlosen Greise seine Kraft verliert und sich
schicksalsergeben aus der Geschichte verabschiedet.
Wir koennen die Kurve noch kriegen. Aber das verlangt unser
aller Bereitschaft zu umfassenden aenderungen des Sozialstaates
und der Wirtschaftsordnung.
Was derzeit politisch diskutiert wird, reicht noch lange
nicht. Die Zahlen und Fakten liegen auf dem Tisch. Es muss jetzt
gehandelt werden.
Professor Hans-Werner Sinn (56) ist Chef des renommierten
ifo-Instituts fuer Wirtschaftsforschung in Muenchen. Seine klugen
Thesen sind in seinem juengsten Buch „Ist Deutschland noch zu
retten?“ (Econ, 499 S.; 25 Euro) nachzulesen
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